eigentlich war der abend schon im arsch. eigentlich wollte ich die welt aussperren. eigentlich hatte ich echt keinen bock mehr auf diesen freitag, der auchnoch ein dreizehnter war. himmel – ging mir das auf die nerven.
aber mein bruder hat mir am tag zuvor schon eine mail geschickt. er müsse mit mir reden. überfall und so. ob meine nummer noch aktuell wäre.
ja, meine nummer ist noch aktuell, ich geb dir gleich die festnetz dazu, damits net teuer is und sag auch, wann ich heute abend erreichbar bin.
aber in mir ist ein kleines monster aufgewacht und frisst sich durch meine nerven. happs happs happs… und die angst schlängelt sich durch den kanal, das das monster gefressen hat, bis sie sich durch meinen ganzen körper windet.
zwei jahre haben wir nicht miteinander gesprochen. so um und bei. nein, wir haben uns nicht zerstritten. wir führen nur sehr unterschiedliche leben, wohnen nicht in der gleichen stadt und ich glaube, ich erinner ihn sehr an unsere dämliche kindheit und vermurkste familie. naja. net schlimm… nur schade.
jedenfalls weiß ich, dass was passiert sein muss. wahrscheinlich mit unserer mutter. die mutter, mir der ich keinen kontakt mehr habe, seitdem sie einfach völlig durchgedreht ist und mir wirre mails und sms schickte. mich beleidigte. zuschaute, wie ihr stalkender ex-freund mich wegen durchgeknallten gründen verklagte, nur um ihre aufmerksamkeit zu bekommen.
ja… ich wusste, es wird um sie gehen. so war es auch. er rief an und fragte, wieso ich damals den kontakt abbrach. ich meinte, dass es eventuell keine gute idee ist, wenn er sich in das thema einklinkt und sich damit belastet.
aber es ging um was anderes… naja, eigentlich nicht. denn diese seltsamen, wirren mails und sms. das komische verhalten. die vorwürfe. seitdem ich nicht mehr in dem leben meiner mutter präsent bin, bekommt mein bruder all das ab und es wird immer krasser. er macht sich sorgen, weiß nicht wie er damit umgehen soll – und er wollte wissen, ob ich das auch bemerkt hätte.
ohja.
und jetzt? ich hab ihr schon vor 1000 jahren gesagt, dass sie zum arzt muss. jaja, hat sie gesagt, mach ich. und nichts passierte…
wir telefonieren lange. ich zittere die ganze erste stunde, beiße die zähne zusammen, muss den hörer mit beiden händen halten, damit er vom zittern nicht zu stark erfasst wird.
er wird es ihr sagen. das sie hilfe braucht und er sie ihr nicht geben kann. er wird die karten auf den tisch legen und anbieten ihr bei der arztsuche zu helfen. das ist gut. das ist super. mein bruder ist da cooler. er hat ein dickeres fell als ich. wahrscheinlich auch verdrängung – aber hey: zumindest ist er jetzt in der lage ihr hilfe anzubieten. ich konnte das nicht so konkret… aber die geschichte von mir und meiner mutter ist auch anders, ich bin anders als mein bruder… und ich hatte damals niemanden mit dem ich das thema besprechen konnte. ich bin echt durchgedreht deswegen.
nun bin ich voller sorge. ist das was körperliches? ist es was ernstes? sind das die nerven? kann man ihr helfen? wird die verwirrtheit immer schlimmer werden? die aussetzer, die aggressionen? wird sie zum arzt gehen? wird sie sich helfen lassen? wird sie sich was antun?
ich habe echt angst, dass sie sich was antun könnte – sie kann so verzweifelt sein, ihre augen sind dann so voller angst. ohweia… ohweia…
und da bin ich wieder: ein vier jahre altes mädchen, dass ihre mutter nur beschützen will vor der ganzen welt. da bin ich wieder.
diesmal bin ich aber erwachsen. ich bespreche mit meinen bruder das weitere vorgehen. er hält mich per mail auf dem laufenden. ich lege auf und kontaktiere meine freunde. erzähle, was passiert ist. hole mir feedback, lasse mich beruhigen. irgendwann ist mir nicht mehr kotzübel.
das ist gut. nun gehts mir nurnoch “normal” schlecht. das ist gut.
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